Anni Jensen kehrt auf die Insel zurück. Als junges Mädchen wanderte sie nicht, wie viele andere Insulaner nach Amerika aus, sondern ihr Ziel war Australien. Jetzt, nach einem erfolgreichen Berufsleben, zieht es sie wieder nach Wyk.
Ihr Elternhaus, die „Villa Blanke Hans“, wurde einst von einem Kapitän Gadebach in der Badestraße gebaut. Nach seinem Tod führten die Fräulein Gadebach, seine Töchter, das Haus weiter. Kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges stand dann eines Tages Dr. Jensen aus Hamburg mit seiner Familie und zwei kleinen Kindern vor der Tür. Er eröffnete in der Villa eine kleine Arztpraxis, die er bis zu seinem frühen Tod führte. In Wyk erblickte Anni das Licht der Welt. Ihre Mutter starb kurz nach der Geburt im Wochenbett.
Jetzt ist die jüngste der Jensen-Töchter wieder da. Ihre ältere Schwester Hedwig, schwer erkrankt, lebt in Flensburg. Sie hat noch einen letzten Wunsch: Wer ist meine Mutter? Denn eine Blutuntersuchung hat ergeben, dass sie nicht die Schwester von Anni und Klaus-Hermann sein kann.
So beginnt der 3. Roman von Sabine Nielsen um die Schwestern Ruth und Willa am Südstrand. Zusammen mit ihren Nichten, den Bewohnern ihrer Pension und Anni begeben sie sich auf die Suche. Einem Puzzle gleich, entsteht aus den vielen kleinen Erinnerungsstücken eine Geschichte, wie sie sicherlich nur in dem kurzen „tausendjährigen Reich“ stattfinden konnte. Eine Zeit, die geprägt war von Hoffnungslosigkeit, Hunger und Armut. Diese Perspektivlosigkeit belastete die meisten Deutschen bis zur Unerträglichkeit. Und dann kommt einer und verspricht eine neue Weltordnung unter dem reinen Geschlecht der Arier. Das nordische Erbe musste unter allen Umständen erhalten bleiben. Zu welchem unmenschlichen Preis, blieb anfangs unbemerkt.
Nicht nur die Presse wurde 1933 gleichgeschaltet, sondern auch die Bürger. Es gelang den Nazis, ein Gefühl zu erzeugen, dass der einzelne Bürger nur dann etwas gilt, wenn die Person ein Teil des Ganzen ist. Dadurch wurde eine Dankbarkeit erzeugt, mit der dann von der anderen Seite des Regimes abgelenkt wurde. Mit welchen perfiden Mitteln sich die Machthaber die Mitarbeit der jungen nachwachsenden wissenschaftlichen Generation sicherten... Es gefriert den Lesern das Blut in den Adern.
Was damals unter dem Deckmantel „Waisenhaus und Lebensborn-Klinik“ in Deutschland geschah, ist für uns, die später geboren sind, schier unvorstellbar. Die Arroganz, mit der unter dem hippokratischen Eid über Leben und Tod entschieden wurde: Der Begriff „Götter in Weiß“ bekommt eine ganz neue Bedeutung.
Diese fast unbegreifliche Story aus einer Zeit, die noch keine zwei Generationen zurückliegt, ist eine Geschichte von verkappter Moral, bedingungsloser Hörigkeit, einem „stillen Widerstand“ und von dem großen Wunsch nach Überleben.
Geschickt verknüpft die Autorin Fiktion und Wirklichkeit. So ist nicht immer alles Gold, was glänzt. Bei näherem Hinschauen gibt es selbst in den großen Demokratien dieser Welt signifikante Unterschiede, und dann ist da noch ein latentes Heimweh .....
bu-bu
Schardt Verlag Oldenburg
ISBN: 978-3-89841-416-6
Preis: 12,80 €
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(ohne MwSt: EUR 11,96)
[Nielsen, Sabine; Die Stimmen der Villa Blanke Hans]